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  1. DEZEMBER 2024

PHILIPP DUDEK

Du bist sehr wahrscheinlich kein junger, sondern ein mittelalter Leser. Als Du etwa 20 warst, kam das Internet. Deshalb liest Du Print und digital. Du hast mindestens ein News-Abo, etablierte Nachrichten-Marken geben Dir Orientierung, Du hörst total gerne Podcasts, fährst viel Auto, hörst elektronische Musik und Deine Karriere ist Dir wichtig.

Nein? Stimmt so gar nicht. Ja, das liegt dann vermutlich daran, dass ich Dich sehr pauschal einer homogenen Gruppe zugeordnet habe, die es es so gar nicht gibt. 🫥

Das passiert Menschen zwischen 18 und 28 ständig. In vielen Zeitungsverlagen sind das die „jungen Leserinnen und Leser” – manchmal noch pauschaler „die Gen Z”. Und dann ist die Frage: „Welche Inhalte wollen junge Menschen lesen und auf welchen Kanälen?”

Meiner Meinung nach ist das totaler Quatsch. Ich halte es sogar für extrem fahrlässig. Genau so wenig, wie Du in eine Schublade „Gen X” oder „Millienial” passt, passen die 20-Jährigen, die Du vielleicht erreichen willst in die Schublade „Gen Z”.

Wenn in Verlagen aber pauschal von der „jungen Zielgruppe", „unter 40-Jährigen" oder „jungen Menschen" gesprochen wird, dann wirkt das schnell wie eine homogene Zielgruppe. Das ist sie ganz sicher nicht. Es gibt keine Zielgruppe, die aus einer ganzen Generation oder einer Alterskohorte besteht. Deshalb lassen sich aus dem Alter alleine auch schwer bestimmte Mediennutzungsverhalten oder Informationsbedürfnisse ableiten oder prognostizieren.

Mit einer so undifferenzierten Zielgruppen-Definition lassen sich dann keine guten Produkte entwickeln. Auch keine journalistischen Produkte. Und übrigens auch keine Formate.

Ein gutes Produkt löst ein Problem. Es wäre ziemlich vermessen, eine Problemlösung für eine ganze Generation entwickeln zu wollen.

Die Frage sollte also nicht sein „Welche Inhalte wollen junge Menschen rezipieren?”, sondern „welche jungen Menschen wollen wir eigentlich erreichen?”. In welcher Lebenssituation befinden sie sich? Vor welchen Herausforderungen stehen sie? Was macht Ihnen Sorgen? Worüber freuen sie sich? 🤔

Die Inhalte ergeben sich dann aus den Antworten auf diese Fragen.

Eine Zielgruppe erschließt sich für mich zunächst über Einstellungen und Haltungen. Und nicht über das Alter. Selbstverständlich muss ich mir dann auch irgendwann die Mediennutzungsgewohnheiten meiner Zielgruppe genauer ansehen.

In der nicht mehr taufrischen Studie „Use The News. Studie zur Nachrichtenkompetenz Jugendlicher und junger Erwachsener in der digitalen Medienwelt” hieß es übrigens schon 2021: „Es gibt nicht die Jugendlichen oder die jungen Erwachsenen” (kann man hier nachlesen: https://leibniz-hbi.de/hbi-publications/usethenews-studie-zur-nachrichtenkompetenz-jugendlicher-und-junger-erwachsener-in-der-digitalen-medienwelt/).

So richtig durchgesetzt hat sich die Erkenntnis meinem Eindruck nach aber auch 2024 noch nicht. Oder wie siehst Du das? Ich freu mich auf Kommentare.


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