PHILIPP DUDEK

Medienunternehmen brauchen keine Innovationsteams. Sie brauchen Exnovationsteams.
Ok. Das ist ziemlich zugespitzt. Aber sonst fangt Ihr ja nicht an zu lesen …
Ich habe letztens das Interview mit Sebastian Turner im „Journalist” gelesen (Link zum Interview). Darin sagt Turner: „Medienunternehmen könnten das einführen, was jede vernünftige Maschinenbaufirma hat: eine Abteilung für Forschung und Entwicklung".
Das stimmt. Davon gibt es viel zu wenig. Jetzt habe ich aber selber viele Jahre lang in genau so einer Abteilung für ein Medienunternehmen gearbeitet. Bis sie abgewickelt wurde. Nicht etwa, weil genug geforscht und entwickelt wurde, sondern weil das Konzept nicht richtig funktioniert hat.
Allerdings musste ich das nicht nur selbsterfahren, sondern danach noch viel lesen, viel hören und viele weitere Projekte mit Im Kontext betreuen, bis mir ein Licht aufgegangen ist, weshalb es nicht funktioniert hat – und weshalb es vermutlich echte Exnovationsteams braucht.
Exnovation bedeutet, alte Systeme gezielt zu Ende zu bringen. Prozesse, Werkzeuge, Geschäftsmodelle, die nicht mehr funktionieren – geordnet abstellen, statt sie still weiter mitschleppen. Es gibt ein richtig gutes Buch dazu von Prof. Dr. Sandra Bils und Dr. Gudrun Töpfer („Exnovation und Innovation – Synergie von Ende und Anfang in Veränderungen").
In Medienhäuser wird in der Regel nicht gezielt exnoviert. Das alte Modell – Nachrichten drucken, aufwendig transportieren, verkaufen – funktioniert nicht mehr richtig. Trotzdem sind unzählige Menschen damit beschäftigt, genau das weiterhin zutun. Nicht weil sie es nicht besser wüssten. Sondern weil das ganze System darauf ausgelegt ist, stabil zu bleiben.
Innovationen kommen unter diesen Bedingungen nur zögerlich an. Manchmal werden sie sogar verhindert – absichtlich oder unabsichtlich.
Echte Innovation braucht Raum. Raum entsteht nur, wenn altes Platz macht. Das ist kein technischer Prozess – es ist ein menschlicher. Was machen wir nicht mehr? Wovon trennen wir uns? Was machen die Menschen, die in diesen Systemen arbeiten, danach?
Es geht also ums Abschiednehmen und ums Mitnehmen.
Beides ist aufwendig. Beides wird meiner Erfahrung nach in Transformationsprojekten systematisch unterschätzt – weil der Blick zu sehr auf die glänzende neue Seite gerichtet ist.
Vermutlich ist das ein grundlegendes Missverständnis im Rahmen der Transformationsbemühungen vieler Medienunternehmen. Das Augenmerk liegt zu sehr auf (womöglich sehr schwer zu stemmenden) Innovationen.
Dabei bräuchte es mehr Exnovationsteams als Innovationsteams. Teams, die dem alten System helfen, ein geordnetes Ende zu finden. Teams, die Menschen mitnehmen und begleiten, sodass Innovationen auch innerhalb des Unternehmens genügend Raum und Anerkennung bekommen.
Print braucht Sterbebegleitung
Eine Zeitung liest man nie alleine
Warum wir glauben, dass Produktteams ein neues Werkzeug brauchen
Unser Kress-Dossier zum Thema Print-Digital-Wandlung
„Das E-Paper ist für viele Leserinnen und Leser nur zweite Wahl”
Warum Alter keine Zielgruppe definiert
Produktentwicklung ist keine Marktforschung (und auch keine Wissenschaft)
Produktentwicklung ist keine Markforschung (Teil 2)
Medienunternehmen brauchen mehr Exnovation